Techniken und Materialien
Die Erfindung, die die moderne Malerei veränderte
Vor Monet und Renoir kam ein Behälter, der in der Kunstgeschichte beinahe unsichtbar ist: die Farbtube. Sie schuf den Impressionismus nicht allein, ermöglichte aber neue Arbeitsweisen.
Wenn wir an Erfindungen denken, die die Kunst verändert haben, stellen wir uns Perspektive, Fotografie oder neue Pigmente vor. Selten denken wir an den Behälter für Farbe. Doch im 19. Jahrhundert veränderte ein kleiner Metallzylinder das Verhältnis der Künstler zu Farbe, Zeit und Landschaft.
Es war die zusammendrückbare Farbtube, die der amerikanische Maler und Erfinder John Goffe Rand 1841 patentieren ließ. Sie erfand weder die Ölmalerei noch schuf sie allein den Impressionismus. Sie löste jedoch ein praktisches Problem, das die Arbeit von Malern einschränkte: Wie ließ sich bereits vorbereitete Farbe aufbewahren, nur zum Teil verwenden und der Rest wieder verschließen, ohne ihn ständig der Luft auszusetzen?
Vor der Tube: Farbe zu bewahren war Arbeit
Jahrhundertelang hatten Maler und ihre Werkstätten Pigmente gemahlen und mit trocknenden Ölen wie Leinöl vermischt. Im 19. Jahrhundert konnte man zunehmend vorbereitete Farben von spezialisierten Herstellern kaufen, doch das Problem des Behälters blieb bestehen.
Zu den verwendeten Lösungen gehörten kleine, mit Schnur zugebundene Tierblasen. Um Farbe zu entnehmen, wurde ein Loch gestochen, das anschließend sorgfältig wieder verschlossen werden musste. Auch Behälter und Spritzen aus Glas waren gebräuchlich. Diese Systeme waren umständlich, empfindlich und wenig effizient: Farbe konnte auslaufen, eintrocknen oder schwer zu transportieren sein.
Ölfarbe „trocknet“ nämlich nicht einfach dadurch, dass Wasser verdunstet. Die Öle reagieren mit Sauerstoff und bilden allmählich einen festen Film. Weniger Kontakt mit Luft hilft deshalb, die restliche Farbe verwendbar zu halten.
Was patentierte John Goffe Rand 1841?
Rand entwarf einen Metallbehälter, der weich genug war, beim Herausdrücken seines Inhalts zusammenzufallen. Im US-Patent Nr. 2.252 vom 11. September 1841 erklärte er, dass das Volumen des Behälters zusammen mit der verbleibenden Farbmenge abnehmen sollte, sodass weniger Raum für die Atmosphäre blieb.
Das Dokument schlug dehnbare Metalle wie Zinn, Blei oder Hartzinn vor und zeigte auch eine zylindrische Ausführung mit kurzem Hals und Schraubverschluss. Das Prinzip ist sofort erkennbar: Der Tubenkörper wird gedrückt, die Farbe tritt aus, der Behälter flacht ab und die Öffnung lässt sich wieder verschließen.
Diese Lösung war nicht so spektakulär wie eine neue Industriemaschine. Sie war klein, praktisch und für den täglichen Gebrauch gedacht. Gerade deshalb konnte sie die Arbeitsweise Tausender Künstler verändern.
Farbe wird transportabel
Mit Tuben ließ sich eine Auswahl vorbereiteter Farben in einem Malkasten verstauen und mit geringerem Risiko transportieren. Maler mussten nicht mehr jede Mischung im Atelier herstellen oder rasch verbrauchen. Sie konnten eine kleine Menge herausdrücken, den Behälter wieder verschließen und die Arbeit zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen.
Dadurch wurde das Malen außerhalb des Ateliers einfacher. Künstler hatten schon vor 1841 im Freien gearbeitet, vor allem für Zeichnungen und Ölstudien. Die Tube erfand die Freilichtmalerei also nicht. Sie machte sie jedoch praktischer, weil Künstler eine breitere Farbpalette mitnehmen und leichter Leinwände beginnen konnten, die als vollendete Werke gedacht waren.
Dieser Unterschied ist wichtig. Eine schnelle Naturstudie anzufertigen und ein fertiges Gemälde direkt vor der Landschaft aufzubauen ist nicht dasselbe. Im zweiten Fall muss der Maler auf wechselndes Licht, Wind und Wolken reagieren. Transportable Materialien förderten eine schnellere Malweise mit unmittelbaren Entscheidungen und sichtbaren Pinselstrichen.
Von der Tube zum Impressionismus: eine Ursache, nicht die einzige
Die Impressionisten nahmen Leinwände und Staffeleien mit ins Freie, um die Wirkungen von Licht und Farbe direkt zu beobachten. Die Tube war eine der Technologien, die diese Praxis erleichterten. Zwischen Rands Patent und der ersten impressionistischen Ausstellung 1874 lagen jedoch mehr als dreißig Jahre.
In dieser Zeit veränderte sich vieles andere. Tragbare Staffeleien wurden praktischer; neue Eisenbahnverbindungen machten das Land und Orte an der Seine schnell erreichbar; die Farbenindustrie brachte immer mehr Pigmente und Mischungen auf den Markt; und die Landschaftsmaler der Schule von Barbizon hatten der unmittelbaren Naturbeobachtung bereits neue Bedeutung gegeben.
Auch die Gesellschaft und die Motive der Malerei wandelten sich. Monet, Renoir, Sisley, Pissarro, Morisot und andere Künstler malten nicht nur Bäume und Flüsse. Sie zeigten Bahnhöfe, Boulevards, Cafés, Theater, bürgerliche Freizeit und Szenen des zeitgenössischen Lebens. Die Modernität des Impressionismus hing nicht von einer Verpackung ab, doch diese neue Verpackung gehörte zur selben materiellen Transformation der modernen Welt.
Über den Bericht seines Sohnes Jean wird Pierre-Auguste Renoir der Gedanke zugeschrieben, ohne Tubenfarben hätte es keinen Impressionismus gegeben. Der Satz ist wirkungsvoll, sollte aber als Würdigung gelesen werden, nicht als vollständige Erklärung. Eine Kunstrichtung entsteht aus dem Zusammenspiel von Techniken, Ideen, Markt, Gesellschaft und individuellen Persönlichkeiten.
Ein unsichtbarer Gegenstand in der Kunstgeschichte
Die Tube entscheidet nicht, was gemalt wird, und ersetzt weder Auge noch Hand des Künstlers. Sie verändert jedoch, was logistisch möglich ist. Sie reduziert Abfall, bewahrt die Farbe, macht sie transportierbar und erleichtert es, die Arbeit zu unterbrechen und wieder aufzunehmen.
Ihr Erbe reicht über den Impressionismus hinaus. Im 20. Jahrhundert verwendeten manche Maler Farbe direkt aus der Tube und machten den Behälter selbst zu einem Werkzeug, um Linien zu ziehen oder Material aufzutragen. Noch heute ist seine Grundform dem 1841 von Rand beschriebenen Prinzip erstaunlich ähnlich.
Wenn wir das nächste Mal eine Landschaft von Monet betrachten, können wir deshalb nicht nur an Licht und Pinselstriche denken. Hinter dieser Freiheit steht auch eine kleine industrielle Erfindung: ein Behälter, der sich zusammendrückt, Luft ausschließt und Farbe aus dem Atelier hinausbringt.
Die Tube erfand die moderne Malerei nicht. Aber sie half der modernen Malerei, vor die Tür zu treten.
Quellen und weiterführende Hinweise
Verwandte Art Stories
Materialien in der Kunst
Wie kann Marmor wie Haut aussehen?
Ein kalter, starrer Stein kann weich, warm und beinahe lebendig erscheinen. Das Geheimnis liegt nicht nur im Können des Bildhauers, sondern auch darin, wie Marmor Licht transportiert.
Konservierung
Kann ein einziger Finger eine Marmorstatue wirklich beschädigen?
Marmor wirkt unverwüstlich, doch seine Oberfläche kann die Spuren wiederholter Berührung bewahren. Der eigentliche Schaden entsteht fast nie durch einen einzelnen Finger, sondern durch Wiederholung.
Entdecken Sie mit uns weiter die Kunst
Folgen Sie Madonna della Roccia und Roccia Art Gallery für neue Shorts, Recherchen und Geschichten über Kunst.
Art Stories